Asturien und Kantabrien - wo war das noch gleich?

„So schnell war noch keiner, das ist neuer Rekord!“

Anerkennend sehen wir dem näherkommenden Schlauchboot entgegen, besetzt mit vier Uniformierten, die kurz darauf zu uns an Bord kommen, um das mittlerweile hinreichend bekannte Procedere zu beginnen. Seit Beginn der Reise besuchen sie uns regelmäßig, mal routiniert, mal unsicher, mal elegant an Deck schwingend und mal hilflos staksend, in Zivil oder vollem Ornat, auf jeden Fall immer freundlich sind sie mittlerweile zum Reisebegleiter geworden wie die Delfine, die um unseren Steven spielen.

Coastguard steht auf ihren Schiffen, aber der Begriff ist übergeordnet. Wasserschützer, Zöllner und andere Küstenbewacher befinden sich auf ihnen. Diese hier sind von der routinierten Sorte, haben blitzschnell ihr RIB gelaunched, sprechen fließend Englisch und sind nicht zum ersten Mal auf einer Yacht.  Einer bleibt an Deck, lässt sich Ausweise und Schiffspapiere zeigen, gleicht telefonisch mit irgendwelchen Instanzen Nummern und Namen ab, während die anderen unter Deck auf die Suche gehen. Türen und Schränke klappen auf und zu, Kojenpolster und Bodenbretter werden angehoben, Wassertanks geöffnet und Kulturtaschen gefilzt. Während wir draußen mit dem offenkundig Ranghöheren Smalltalk machen und Fragen nach dem Woher und Wohin beantworten, wird unter Deck von den Subalternen ganze Arbeit geleistet. Nach einer Stunde bekomme ich auf die Frage, was zum Teufel sie nur suchen würden, die lapidare Antwort: „Everything! We`re looking for everything. Drugs, alcohol, cigarettes, stolen boats and illegals. And most times we are succesfull!“

 

Wir befinden uns vor der französischen Atlantikküste auf der Höhe von Arcachon. Flaute. Motorfahrt. Ideales Wetter für Zöllner um eine Yacht zu boarden. Diese hier ist so groß, dass sie sich als gefundenes Fressen für eine „Schwarze Gang“ zu eignen scheint. Meine Frau Telse und ich überführen eine First 50 von La Coruna in Galicien nach La Rochelle in Frankreich. Es ist Ostermontag und einer der wenigen wärmeren Tage dieser Reise. Bisher waren wir stets in Fleece und Ölzeug verpackt, um meist stark gerefft bei kaltem Nordwest die spanische Küste abzuklappern. Vor einer Woche haben wir das Boot vom Eigner übernommen, um „Pauline“ auf einer weiteren Etappe wieder zurück zur Elbe zu segeln. Vor genau einem Jahr begann dieses Projekt, als wir uns Ostern in Cuxhaven im Schneegestöber auf die Reise machten, segelten mit wechselnden Crews, so wie Zeit und Wetter es zuließen, bis in den Herbst hinein nach Gibraltar, ließen das Boot an der Algarve einige Monate überwintern und nutzen jetzt die zweite Saison für die Heimreise. Eigentlich wollten wir die Biscaya in einem längeren Schlag queren, wollten etwa von Gijon zur Ile d´Yeu segeln, aber die Großwetterlage ließ uns dann doch lieber in Küstennähe den ganzen Bogen aussegeln, wohl wissend, dass wir vom Baskenland nach Norden hin Legerwall haben würden und dass Arcachon, der einzige Hafen auf 140 sm, bei Dünung über einem Meter mit unserem Tiefgang nicht mehr anzulaufen wäre. So aber machten wir Sightseeing an einer wunderschönen, wenngleich auch ungeschützten und schroffen Felsenküste, deren zahlreiche Flussmündungen, die Rias, zwar Unmengen von Häfen und pittoresken Fischerdörfern bereithalten, die anzulaufen sich aber zumeist wegen Tiefgang, Schwell oder mangelnder Liegemöglichkeiten für ein so großes Boot verbot. So beschränkten wir uns auf die wenigen größeren Orte, von Ribadeo in Galicien über Gijon in Asturien und Santander in Kantabrien bis Bilbao im Baskenland. Und während wir mit kleinen Segeln in sicherem Abstand die zahlreichen Kaps mit ihren Leuchttürmen passierten, erhoben sich darüber zum Greifen nahe schneebedeckte Zweieinhalbtausender, die den Wunsch aufkommen ließen, diese Landschaft auch einmal landseitig zu erkunden. Irgendwo da oben ist Hape Kerkeling auf Sandalen langgelatscht, hat sich auf der Suche nach sich selbst in sommerlicher Gluthitze auf dem Pilgerpfad Blasen geholt. Er ist jetzt mal weg, wir sind jetzt mal hier!

 

Die nordspanische Küste ist kein typisches Urlaubsrevier. Das Wetter ist im Frühjahr und Herbst unbeständig, es dominieren westliche Winde, verbunden mit dem entsprechenden Schwell, „mar de fondo“, wie die Spanier sagen, „La Houle“, wie die Franzosen es nennen. Die Höhe der Dünung wird täglich in den sehr präzisen Wetterberichten (UKW, Internet und Hafenaushänge) bekanntgegeben und beeinflusst in hohem Maße die Törnplanung. Häfen können unter Umständen nicht mehr angelaufen oder verlassen werden, zum Segeln braucht man einerseits ordentlich Fläche, um nicht nur hilflos umherzuschlingern, andererseits treten gewaltige Kräfte auf, wenn dann Groß- oder Spibaum in Schwung geraten. Im Sommer herrscht oft eine durch das spanische Hitzetief verursachte Thermik, die nach einer flauen Nacht im Laufe des Vormittags eine kräftige nordöstliche Strömung entstehen lassen kann, die mit Stärke 5 bis 6, im Bereich von Kap Finisterre auch Stärke 7 im Küstenbereich eine unerwartet kurze und steile See entstehen lässt. Zum Gegenangehen werden deshalb die ganz frühen Morgenstunden empfohlen, während der nach  Portugal orientierte Segler auf schnelle Reisen hoffen kann.

Die Lufttemperatur erreicht tagsüber an Land aufgrund der hoch stehenden Sonne zwar schnell mediterrane Werte, auf See bleibt es wegen der Wassertemperatur, die auch im Sommer 14 – 16°C kaum überschreitet, doch empfindlich kühl. Dafür wird man entschädigt durch eine grandiose Felskulisse, tiefblaues Wasser und ständigen Besuch von Delfinen und Walen, während man im Hintergrund die Kuppen des kantabrischen Gebirges, der westlichen Verlängerung der Pyrenäen mit den alles dominierenden „Picos de Europa“, über 2600m hohen und auch im Sommer schneebedeckten Gipfeln, bestaunen kann.

Dieser Höhenzug prägte schon vor zwölfhundert Jahren diesen Küstenstrich dadurch, das er den einfallenden Mauren Einhalt gebot und durch seine Unüberwindbarkeit den Bewohnen ihre Eigenständigkeit erhielt. Von Asturien und Kantabrien aus begann dann auch der christliche Widerstand und schließlich die Vertreibung der Mauren aus Spanien.

Wenngleich auch die gesamte Region kulturell und geschichtlich sehr viel zu bieten hat, von  steinzeitlichen Malereien in Felshöhlen bis hin zum Guggenheim-Museum in Bilbao, ist der Segler doch im allgemeinen ständig unter Zeitdruck, schenkt Wetterberichten mehr Aufmerksamkeit als kulturellen Hinweisen und lässt vieles Interessante, eigentlich schade, ungesehen an sich vorbeiziehen. Das nomadenhafte, das ihm innewohnt, versperrt den Blick auf manche Sehenswürdigkeit und erst auf den Urlaubsbildern sieht man manchmal im Nachhinein, wo man überhaupt gewesen ist. Empfehlenswert seien deshalb bei Zeitmangel Ausflüge mit einem Mietauto, um sich z.B. einige der zum Teil landschaftlich spektakulären Küstenabschnitte mit buchstäblich in die Felsen gehauenen Fischerorten anzusehen. Die Summe der Häfen, die mit dem Boot anzulaufen sind, steigt mit geringerem Tiefgang erheblich an und nahe Hochwasser sind viele Barren bei ruhiger See passierbar. Die Ansteuerung von dem asturischen Ort Viavélez etwa empfiehlt sich laut pilot book dagegen „only for the brave or rash“, nur für die Unerschrockenen oder Unbesonnenen. Hat man dann aber einen sicheren Platz für die Nacht gefunden, kann man fernab aller Touristenströme das bunte Treiben auf Molen und Märkten an sich vorbeiziehen lassen und sich dem Genuß von Meeresfrüchten aller Art, die hier in großer Zahl und sehr preiswert angeboten werden, hingeben. Als Urlaubslektüre für Flautenstunden sei vielleicht der Roman „Fiesta“ von Ernest Hemmingway empfohlen, durch den die baskische Stadt Pamplona bekannt wurde, heute gern reißerisch vermarktet durch blutige Bilder von durch den Ort jagenden jungen Männern, die vor noch jüngeren Stieren Reißaus nehmen.

 

So sind wir also in die innere Biscaya hineingeraten, ganz in die Ecke des Baskenlandes, die bei Seeleuten in dem Ruf steht, im Sommer zu flau zu sein und im Winter zu stürmisch, in der sich der ganze Dreck des Nordatlantiks ansammelt, „jetsam and flotsam“, über Bord gegangene Ladung und Treibgut aller Art. Wir aber entdecken nichts dergleichen, sehen nur saubere Strände und ordentliche Yacht-Facilities, freundliche und aufgeschlossene Menschen und zum Osterwochenende hin milderes Wetter. So bleibt uns die Mühsal der Legerwallküste erspart, dafür schläft der Wind völlig ein und von Bayonne, nahe Biarritz, müssen wir nach Norden motoren, bis wir an der Ansteuerung von Arcachon unserer Coastguard in die Hände fallen. Nachdem alles Suchen vergebens ist, keine Drogen und illegalen Einwanderer gefunden wurden,  versucht der Leitwolf einen letzten Trumpf auszuspielen. In Frankreich gibt es große Charterflotten und das einträgliche Geschäft will man sich nicht durch Wilderei im eigenen Revier vermiesen lassen, so dass die Frage eigentlich lange überfällig ist: „Where is the contract? What is the price for the boat?“ Den Mietvertrag meint er und lässt erst locker, nachdem wir eine selbstformulierte und vom Eigner unterschriebene Erklärung vorzeigen, nach der hier keine Vercharterung vorliegt und auch kein Geld zu zahlen ist. Die Zöllner, Grenzschützer, Polizisten oder was auch immer sind zufrieden, es ist Abend, es riecht nach Dienstschluss und zum Abschied bieten sie uns Geleit über die Barre nach Arcachon hinein. Es ist kurz vor Hochwasser, die Bedingungen sind gut, aber wir ziehen es vor weiterzufahren. Günstige Winde soll man nicht verstreichen lassen, Flautentage mit ruhiger See auf der Biscaya aber auch nicht, und so erreichen wir nach einer kalten Nacht mit faszinierendem Sternenhimmel das Segelmekka La Rochelle. Im geschützten Dockhafen liegen wir nahe der wunderschönen Altstadt, lassen die Reise mit einer Fahrradtour zur benachbarten Ile de Re ausklingen und übergeben „Pauline“ an die nächste Crew für die weitere Heimreise zur Elbe.

 

Manfred Thiessen. Ostern 2009