Mit der Yggdrasil nach London

„Und hier wollen wir eines Tages mit dem eigenen Boot liegen!“

Vor etwa zehn Jahren machten wir mit den Kindern eine Städtetour mit dem Auto nach London. Ein Spaziergang führte uns zum St Katharine`s Dock, einem Yachthafen unmittelbar unterhalb der Tower Bridge. In einer grünen Oase lagen Yachten geschützt hinter einer Schleuse, vom Lärm abgeschirmt durch das Tower Hotel, im wunderschönen „Dicken`s Inn“ saßen wir bei Pizza und Rotwein auf dem Balkon und sahen über die Boote hinüber zur Brücke. Eine Idee hatte sich festgesetzt und wartete auf Umsetzung.

In vier Wochen von der Elbe nach London und zurück, verglichen mit Ostseereisen eigentlich kein Problem, ein Zirkelschlag um die Stör läßt Oslo und London auf demselben Radius liegen. Verwöhnt durch das gute Wetter des Vorjahres begannen im Winter die Reisevorbereitungen. Unsere Kinder sind mittlerweile alle flügge, wir segeln seit zwei Jahren allein, aber unsere Tochter sollte mit Freund für den Londonaufenthalt eingebunden werden. Zwei Flüge von Berlin mit einer No-Frills Airline, Monate im Voraus gebucht, sind preiswert und zu verschmerzen, wenn es aus zeitlichen oder Wettergründen nicht klappen sollte. Zehn Tage gaben wir uns Zeit für die Hinreise und wegen des unbeständigen Wetters wurde für die ersten Tage das Seewetteramt zur Törnberatung gerufen.

Am Samstag, dem 14. Juli um Null Uhr werfen wir in Brunsbüttel die Leinen los und motoren gegen die letzte Flut die Elbe abwärts. Unterhalb Cuxhaven gehen die Segel hoch und mit zunehmenden Südwest halten wir auf die ostfriesischen Inseln zu. Der Meteorologe kündigte  S-SW 5 an, am Mittag sei mit dem Durchgang einer gewittrigen Kaltfront mit stark auffrischenden rechtdrehenden Winden  zu rechnen und Norderney bietet sich als erster Hafen an, den wir rechtzeitig vor der Front erreichen. Weiter geht es über Lauwersoog nach Vlieland, ständig begleitet von zum Teil heftigen Gewittern, auf dem Seewetteramt spricht man von ungewöhnlich starker Gewittertätigkeit in diesem Sommer. Von Vlieland folgen wir den breiten und gut betonnten Prielen zum Ijsselmeer, bei einer Halse reißt jedoch das Großsegel vom Achterliek entlang einer Segellatte auf einer Länge von 1,50 m ein und nur unter G III segeln wir nach Enkhuizen, wo wir mit viel Tape und Garn das Segel flicken.

Tags darauf motoren wir bei völliger Flaute über das Markermeer und den Nordzeekanal nach Ijmuiden, unterwegs können wir unter einer Gewitterwolke die Entstehung einer Trombe bewundern. Solche Minitornados haben wir an Hollands Küsten schon häufiger beobachtet, im geschützten Wasser des Markermeeres ist dieses Phänomen ein tolles Naturschauspiel. In Ijmuiden fahren wir nachmittags nur kurz an die Tanke, ein auflebender Nordost verspricht eine schnelle Reise an der Küste südwärts. Bei einsetzender Dunkelheit queren wir die Maasmündung, nicht ohne uns vorher auf Kanal 3 angemeldet zu haben. Bei kabbeliger See und Rauschefahrt laufen wir in stockdunkler Nacht zwischen den Sänden zur Schelde, heftiges Wetterleuchten über der belgischen Küste verursacht leichtes Magengrummeln. Den Strom in der Scheldemündung haben wir bis heute noch nicht richtig verstanden, wir freuen uns einfach darüber, dass er mit hoher Geschwindigkeit nicht nur draußen nach Süden, sondern auch noch weiter durchs Ostgatt bis vor die Hafeneinfahrt von Vlissingen läuft. Im Morgengrauen haben wir gerade einen Liegeplatz hinter der Schleuse erreicht, als ein schweres Gewitter über den Ort fegt. Das hätten wir auf See nicht erleben mögen!

Nach einem Hafentag mit starken Westwinden laufen wir tags darauf in der Abendflaute aus. Ein schmaler Hochkeil ist angekündigt und uns wird klar, dass wir diese Gelegenheiten nicht verpassen dürfen. Wegen der unsicheren Wetterlage steuern wir nicht nach Westen auf dem kürzesten Weg nach Ramsgate, sondern gehen dicht unter der belgischen Küste innerhalb der flämischen Bänke an Dünkirchen vorbei und laufen weiter gegen die Flut zum TSS mit Kurs auf die Tonne Southwest Goodwin. Seit Mitternacht hören wir auf allen Kanälen Sturmwarnungen, NE 7-8 mit Sturmböen werden für den Abend avisiert und wir ziehen es vor in Dover Schutz zu suchen. Nachts hören wir die Böen von den Klippen herunterheulen und freuen uns, einen sicheren Liegeplatz zu haben. Am nächsten Morgen bei der telefonischen Reservierung für St. Katharine`s eine böse Überraschung: Der Hafen ist wegen Wartungsarbeiten an der Schleuse seit zwei Monaten geschlossen! Man empfiehlt uns Limehouse Marina, eine Meile weiter flussabwärts, soll auch nett sein. Der Wind hat westlich gedreht und im Landschutz der hohen Küste segeln wir an den Goodwin Sands innen durch nach Norden. Die Tide haben wir gut abgepaßt, Reeds Almanac sei Dank, an der Ecke bei North Foreland setzt die Flut ein und wir durchlaufen die „Overland Passage“, benannt nach den geringen Wassertiefen, bei kurzer und extrem steiler See nach Queenborough, der einzigen Liegemöglichkeit zwischen Ramsgate und London. An einer Mooringboje verbringen wir eine ruhige Nacht und vor Sonnenaufgang zwingt uns die nächste Flut aus der Koje. Die Themse sieht genauso aus wie es ihrem Klischee entspricht: trübe, langweilig, überall verfallene Hafenanlagen und Industrieruinen. Die wenigen Seeschiffe, die noch halb den Fluß hochkommen, können die sieben Millionen Einwohner bestimmt nicht versorgen. Sind es diese Bilder des einstigen großen Seehafens London, die die Befürworter der Elbvertiefung im Kopf haben? Nach Passage der eindrucksvollen Thames Barrier, dem Sturmflutsperrwerk vor den Toren Londons, ein völlig anderes Bild: Urbanes Leben rechts und links, renovierte und neue Häuser spiegeln das ganze Spektrum moderner Architektur wider, hinter dem Millenium-Dome erhebt sich die imposante Skyline der Docklands, die Stadt rückt uns schneller näher als wir ihr. Nach kurzem Anruf freundliche Aufnahme in Limehouse, eigentlich sei man überfüllt wegen der Sperrung von St. Kathrine`s, aber wo soll man sonst hin – welcome to London!

Unsere Tochter mit Freund schwebt am nächsten Morgen ein, das Timing hat gestimmt und zur freudigen Überraschung sagt man uns, dass St. Kathrine`s in zwei Tagen wieder öffnet. Wir reservieren sofort einen Platz, verholen als eine der ersten, werden mit Handschlag begrüßt, endlich wieder eine Yacht, und sitzen bald darauf  in der Sonne auf dem Balkon des Dicken`s Inn und blicken über unser Boot zur Tower Bridge.

Vier Tage liegen wir in London, dann gehen Gesa und Stefan wieder von Bord und über Queenborough und Ramsgate nehmen wir Kurs auf Dünkirchen, beim Queren der Straße von Dover hören wir auf UKW eine Meldung des MRCC Griz Nez: Eine Rettungsweste sei verloren worden, die Schifffahrt soll Ausschau halten und Nachricht geben. Unser Kurs führt über die angegebene Position, zunächst müssen wir uns jedoch auf den Verkehr konzentrieren. Die Westbound-Lane haben wir sicher passiert, von Steuerbord kommt aber ein Schiff dessen Peilung steht. Als wir etwa eineinhalb Meilen entfernt sind, geben wir 60° Stb-Ruder und halten auf sein Heck zu. Nach zwei bis drei Minuten ändert der Frachter Kurs genau auf uns zu. „Der will hinter uns `rum, zurück auf alten Kurs“, denken wir und queren wieder brav im rechten Winkel. Der Frachter dreht jedoch weiter, ist schließlich auf Gegenkurs, dreht dann mit kleiner Fahrt noch einen Vollkreis und bleibt schließlich mit der Nase gegen die Fahrtrichtung liegen, mitten im Verkehrstrennungsgebiet! „Da hat einer die Nerven verloren, vielleicht war der Lehrling am Ruder“, denke ich in Erinnerung unseres zur See fahrenden Jüngsten. „Der hat die Kiste `rumgerissen und jetzt ist was kaputt. Das kann Ärger geben...“ . Kurz darauf auf UKW ein Dialog zwischen Griz Nez und einem Frachter: Die Rettungsweste ist aufgefischt worden und soll an ein Lifeboat übergeben werden. Und schon kommt mit großer Staubwolke ein Retter aus dem Nichts und geht bei dem Frachter längsseits, kurze Zeit später gehen alle zur Tagesordnung über, der Frachter geht auf alten Kurs, der Retter fährt nach Hause, die Securite-Meldung wird gecancelt und wir staunen über den reibungslosen Ablauf.

Über Dünkirchen geht die Reise weiter nach Rompotsluis, wo wir wegen schlechten Wetters durchschleusen und übers Delta weiter nach Norden segeln, vorbei an Dordrecht, der wunderschönen alten Hauptstadt Hollands bis vor die Tore Rotterdams. Die Brücken am nächsten Morgen öffnen pünktlich und eine einsame Yacht bringt den Berufsverkehr über die Erasmusbrug im Herzen Rotterdams zum Stoppen. Es ist immer wieder faszinierend, welchen Stellenwert der Schiffsverkehr in diesem Lande hat, und sei das Boot auch noch so unbedeutend. Das letze Stück bis Hoek van Holland ist kanalähnlich und geprägt von großen Kaianlagen, Containerterminals und Schiffen aller Größe, die in dichtem Abstand ein- und auslaufen. Die Nordsee bietet uns einen traumhaften Segelwind, das erste Mal in diesem Urlaub wird der Spinnaker gesetzt und wir surfen im zweistelligen Bereich nach Ijmuiden.

Tags darauf setzt sich endlich für ein paar Tage der Sommer durch und wir laufen via Den Helder das erste Mal Terschelling an, bei uns Inselfans liegt dieses Eiland nach kurzer Zeit sehr hoch auf unserer nach oben offenen Inselskala, etwa gleich auf mit Anholt und Belle Isle. Mehr als einen Hafentag können wir uns jedoch nicht gönnen, ein neues Tief soll für die nächsten Tage starke nordöstliche Winde bringen. Auf dem Weg nach Osten müssen wir anfangs noch motoren, der Himmel voraus verfinstert sich aber schnell und bald malen erste Böen dunkle Schatten auf das Wasser. Wir verkleinern die Segel und können abends in die Ems ablaufen bevor die Dunkelheit hereinbricht. Hier liegen wir volle zwei Tage auf Borkum vor Wind bei Dauerregen in einem alten Kasernengelände, einen übleren Ort kann man sich bei diesem Wetter kaum vorstellen und unsere Inselskala ist jetzt auch nach unten offen!

Der Wetterbericht verspricht NNE abnehmend 5, mit kleinen Segeln geht es bei Sonnenaufgang die Ems abwärts zum Riffgatt, 8m Wassertiefe scheinen uns genug zu sein, die See ist allerdings sehr aufgewühlt und erst jenseits der Zehn-Meter-Linie kehrt einigermaßen Ruhe ein. Mit leichtem Schrick segeln wir unter ständiger Salzwasserdusche entlang des Schifffahrtsweges, soweit entfernt von der Legerwallküste wie zulässig. Im Wetteramt scheint inzwischen die Nachtschicht abgelöst worden zu sein, das frische Personal räumt erstmal das Abflauen beiseite und verkündet neues Ungemach in Form von Starkwind und Böenwarnungen. Auf UKW ruft eine Yacht den Retter von Norderney, sie kommen von Helgoland und würden gerne durchs Dovetief, ob das möglich sei bei diesem Wetter. Das könnten sie vergessen, antwortet dieser und sie sollen das Schluchtertief probieren, aber genau zwischen den Tonnen bleiben! Nein Danke, dann lieber weiter auf der Nordsee duschen! Querab von Spiekeroog werden wir allmählich mürbe, der Wetterdienst hat noch einmal eins drauf gesetzt und die Höhe zur Elbe wird auch langsam knapp. Wir beschließen in die Jade abzulaufen und wissen schon nach der dritten Tonne, dass das ein Fehler war. Gewaltige Berge türmen sich auf und wir haben das Gefühl in die Mausefalle zu segeln. Wie sollen wir hier wieder herauskommen? In Hooksiel liegen wir längsseits vom Fischer, der uns am nächsten Tag dringend abrät, durch die Mittelrinne abzukürzen. Wieder einmal hat die Nachtschicht im Wetteramt abflauen versprochen und wieder einmal nimmt mit steigender Sonne auch die Zahl der Windwarnungen zu. Mit langsamer Fahrt motoren wir nachmittags mit der letzten Ebbe abwärts fast bis zur Ansteuerung, der Wind hat nordwestlich gedreht und die See ist beeindruckend. Fast glaubt man den Kamm rückwärts wieder runterzurutschen bevor es auf der anderen Seite steil bergab geht. Kaum haben wir aber das Fahrwasser verlassen, geht die Fock hoch und ein Traumtörn zur Elbe beginnt. Helgoland glänzt in glasklarer Luft in der Abendsonne und  am Elblotsen auf der Innenposition fliegen wir förmlich vorbei. Cuxhaven ist proppevoll mit Holländern, die alle nachts mit der Ebbe raus wollen, der Wind soll nun endlich wirklich nachlassen. Die letzten Meilen zur Stör sind Routine und pünktlich nach vier Wochen liegen wir wieder in Beidenfleth am Platz.

Fazit: Verglichen mit dem Supersommer des Vorjahres war es in diesem Jahr reichlich durchwachsen. Unbeständiges Wetter mit starker Gewittertätigkeit, sehr ungenaue Wettervorhersagen und ungewöhnlich schnelles Einsetzen von Starkwind ließen die Entspannung manchmal zu kurz kommen. Die Nordsee hat uns die Zähne gezeigt und Grenzen für eine kleine Besatzung gesetzt. Aber auch Schäden am Boot waren die Folge: Erst das Großsegel geschreddert, dann bei achterlichem Wind Kicker und Travellerschlitten stark beschädigt, einige Wochen nach dem Urlaub riß ein Unterwant samt Aufnahmeblech aus dem Mast. Es war dennoch eine spannende Reise in einem wunderschönen Revier, von einigen Längen in der südwestlichen Nordsee abgesehen, und es wird ja auch mal wieder Traumsommer geben!

 

Manfred Thiessen, 2007