Urlaub im Gezeitenstrom

Mit der Yggdrasil zu den Kanalinseln

Veröffentlicht in „Nautische Nachrichten“ 4 / 2007

„Auf Inseln wie Guernsey gibt es zweierlei Menschen: Die einen verbringen ihr Leben mit der Umrundung ihres Ackers und die anderen mit der Umrundung der Welt per Schiff. Jene sind die Arbeiter der Erde, diese die Arbeiter des Meeres.“

Hoch über dem Hafen von St. Peter Port, der Hauptstadt von Guernsey, schrieb Victor Hugo diese einleitenden Worte zu seinem gleichnamigen Roman. Fünfzehn Jahre lebte und arbeitete er hier, von dem verhassten Napoleon III verbannt, „Napoleon le Petit“ wie er ihn verächtlich nannte. Durch „Der Glöckner von Notre Dame“ berühmt geworden, vollendete er in seinem verglasten Dach-Atelier „Les Miserables“ und schrieb hier auch alle weiteren Werke. „Die Arbeiter des Meeres“ widmet sich ganz und gar dem Leben der Fischer und Seefahrer von Guernsey und die Lektüre war Anlaß für uns, den Spuren seiner Romanhelden zu folgen.

 

Für die Reise von der Elbe zu den Kanalinseln waren etwas Glück mit dem Wetter und eine sorgfältige Reiseplanung notwendig. Auf jeden Fall wollten wir vermeiden, schon in den ersten Nordseehäfen einzuwehen und wertvolle Zeit zu verlieren. Die Ostfriesischen Inseln sollten deshalb gleich links liegen bleiben und der erste Landfall könnte in Delfzijl an der Ems oder in Lauwersoog am Westgat hinter Schiermonnikog erfolgen. In beiden Häfen hätten wir Zugang zu Hollands Kanälen, wo wir auf der „Stehenden Mastroute“ zwar langsamer, aber dafür stetig vorankommen würden. Die nächste Möglichkeit wäre das Fahrwasser „Zuider Stortemelk“ zwischen Terschelling und Vlieland mit Verbindung zu Waddenzee und Ijsselmeer.

 

Eine weitere navigatorische Herausforderung stellte der achtzigste Geburtstag meiner Mutter dar. Geplant war, am 14. Juli, nach der zweiten Urlaubswoche, mit einem Mietwagen kurz nach Hause zu fahren. Dieses Auto sollte schon aus Kostengründen rechtzeitig vorher im Internet gebucht werden, aber wo würden wir an diesem Tag sein? Eine Entscheidungshilfe gab ein Blick auf den Kalender und ins Geschichtsbuch: Am 14. Juli begann die französische Revolution mit dem Sturm auf die Bastille, in Frankreich würden wir an diesem Nationalfeiertag vielleicht ein Croissant kaufen können, Mietautos stünden aber nicht zur Verfügung. In Ostende/Belgien wurde also ein Auto bestellt und diesen Termin galt es nun wahrzunehmen.

 

In der ersten Woche sollten mit Männercrew Meilen gemacht werden. Mit Frank Job und Gerd Altenau kamen zwei gute Freunde mit Segelerfahrung an Bord und die Aufgabe für die nächsten Tage lautete: Wir legen uns in Cuxhaven auf die Lauer, nehmen den ersten günstigen Wind, der uns mindestens bis zur Ems bringt, aber auch nicht zu weit, damit die zweite Woche bis Ostende auch noch seglerischen Ansprüchen gerecht wird.

Nach einer Woche sollte gewechselt werden, Frank und Gerd aussteigen und meine Frau Telse an Bord kommen.

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Am 1. Juli 2006 laufen wir mittags aus Beidenfleth/Stör aus und motoren die Elbe abwärts. Die Ostwindwetterlage verspricht eine ruhige, hoffentlich nicht zu ruhige Reise. Erst gegen Sonnenaufgang setzt sich querab von Wangerooge eine brauchbare Brise durch und unter Spinnaker ziehen wir unter blauem Himmel an den Inseln vorbei. Schon zu Mittag passieren wir unser erstes Etappenziel, die Emsmündung und Spekulationen machen die Runde, wie weit wir in dieser Woche wohl kommen würden. Ich weise jedoch noch einmal auf die französische Revolution hin und dass wir auf keinen Fall eine Woche lang in Ostende Nase bohren wollen. Für die Nacht machen wir auf Vlieland fest und ich verordne einer segelbegeisterten Crew einen Zwangshafentag am Strand wegen zu schnellen Reisens!

 

Mit steigenden Temperaturen wird der Wind immer flauer, tags darauf treiben wir durch die Waddenzee Richtung Den Helder. Wer den Strom richtig kalkuliert, fährt mit der Flut bis zum Wattenhoch und mit der Ebbe weiter Richtung See. Wegen unseres Tiefganges sind wir zwei Stunden vor HW dort, um noch Reserve zu haben, falls es zu flach ist. Nach Passieren dieses neuralgischen Punktes macht sich bei diversen Badestops Urlaubslaune breit. Eine gnädige Ebbe zieht uns südlich von Texel wieder hinaus auf eine bleierne Nordsee, Wind ist in diesen Tagen nicht mehr zu erwarten. Am Abend laufen wir nach vielen Motorstunden Ijmuiden an, wo meine Mitsegler sofort eine Kneipe mit Meerblick und Fernseher ausfindig machen und das Halbfinale Deutschland - Italien uns den Flautenfrust vergessen lässt.

Wir beschließen, das Beste aus der Situation zu machen und auf Sightseeing-Tour durch Hollands Kanäle zu gehen. In Städten wie Haarlem und Leiden fahren wir fast durch Fußgängerzonen und über Marktplätze, Unmengen von Brücken öffnen sich beim Näherkommen ferngelenkt wie von Geisterhand, das hier ist Holland pur.

In Gouda endet dieser harte Männertörn, ein Name, den der Seesegler wohl nur von der Käsetheke kennt. Der Autobahnanschluss prädestiniert diesen Ort jedoch zum Crewwechsel.

 

Zu zweit geht die Reise weiter über breiter werdende Kanäle und Flüsse bis zum Delta,

den großen Mündungsarmen von Rhein, Maas und Schelde. Hier können wir endlich wieder segeln, allerdings liegt alle zwei bis vier Stunden eine Schleuse im Wege. Der Elbsegler denkt bei Schleuse sofort an Kiel-Kanal, an lange Wartezeiten, Willkür und Frust. Hier jedoch haben wir das Gefühl, als Segler willkommen zu sein und nicht nur im Wege zu stehen. Freundliches Personal und zügige Abwicklung, zudem noch kostenlos, lassen das Durchschleusen zur Bereicherung des Urlaubsalltags werden. Als wir in Vlissingen wieder auf die breite Scheldemündung und die Nordsee blicken, wissen wir jedoch, was wir die letzten Tage vermisst haben.

In Ostende steht pünktlich unser bestelltes Leihauto und wir machen den geplanten Abstecher zu Omas Achtzigstem.

 

Nach 1800 Autobahnkilometern in 26 Stunden zieht es uns wieder hinaus auf See. Raus aus dem Hafen, Spi hoch und mit der Ebbe ab nach Westen. Die Ostwindlage dauert an und wir können unser Glück kaum fassen. Jetzt gibt es kein Halten mehr, Dünkirchen fliegt vorbei, Calais ebenso und Cap Blanc Nez schaffen wir auch noch. Vor Cap Griz Nez kommt uns schließlich die Flut entgegen und die letzten Meilen bis Boulogne ziehen sich hin. Am nächsten Morgen wieder zeitig hoch und Frühstück unter Spinnaker und blauem Himmel mit Kurs auf Dieppe. Was würden wir nur ohne dieses phantastische Segel machen, die Mehrheit um uns herum dampft oder fällt schnell achteraus.

Am nächsten Tag holen wir zum langen Schlag aus. Der Shipping Forecast meldet NE 4, westdrehend mit Schauern und Gewittern, innerhalb der nächsten 24 Stunden. Die französischen CROSS – Stationen sind präziser: NE 5 in den nächsten 12 Stunden und westdrehend erst morgen. Wir ziehen den Spi hoch und steuern West. Yggdrasil prescht los und wir geben ihr die Peitsche! Jede Meile zählt heute doppelt, ab morgen wird gekreuzt.

Nach Mitternacht laufen wir in Cherbourg ein, starker Strom vor Barfleur ließ die See ruppig werden und zermürbte uns etwas. Nun eine knappe Flutlänge Verschnaufen am Warteponton  und bei Sonnenaufgang zieht uns die einsetzende Ebbe zum Race von Alderney. Der anfangs noch brauchbare Ostwind wird mit zunehmendem Strom schwächer und durchs Race motoren wir. Als die Logge sechs Knoten zeigt und das GPS dreizehn wird uns doch etwas mulmig zumute. Aus NE 4 ist Flaute geworden und eine große Fischerboje rast fast untergetaucht an uns vorbei – oder wir an ihr, ist doch alles relativ. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei und die Karte mit vielen kleinen Kreuzen gespickt, ein Plotter hätte hier gute Dienste geleistet. Voraus in der Morgensonne liegt Guernsey und dahinter verdunkeln aufziehende Gewitterwolken den Horizont. Wir aber kommen mit dem letzten Hauch Ostwind bis ans Ziel dieser Reise und hätten glücklicher nicht sein können.

 

Die Arbeiter des Meeres

 „Eine gotische Kirche. Uralte Straßen, eng, uneben, von Stufen geschnitten, steigen auf und fallen ab. Mit Häusern, die so übereinander geschichtet sind, dass jeder freie Sicht auf das Meer hat.“

Hugos Roman ist nicht nur eine Beschreibung der Insel und ihrer Bewohner, er ist zugleich auch eine Abrechnung mit dem verhassten Regime in der Heimat, der Kirche und den verkrusteten Gesellschaftsstrukturen der damaligen Zeit.

Er schildert die Wandlung der Segel- zur Dampfschifffahrt und die damit verbundenen Schwierigkeiten, etwas Neues durchzusetzen gegen Widerstände in der Bevölkerung und besonders in der Kirche. „Gott hat Feuer und Wasser getrennt, der Mensch darf es nicht wieder vereinigen“, wettern die katholischen Priester gegen dieses Teufelswerk eines Dampfschiffes, das ein Guernseyer Reeder als Fähre zwischen St Malo und der Insel einsetzt. Als an einem Wintertag das Schiff vom skrupellosen Kapitän im Nebel südwestlich von Guernsey auf die Douvres-Felsen gesetzt wird, schlägt die Stunde des Fischers Gilliatt. Mit der Aussicht, die Nichte des Reeders heiraten zu dürfen, segelt er mit seinem Boot zu den berüchtigten Klippen und vollbringt hier das Unmögliche.

In wochenlanger Arbeit, nur mit Regenwasser, Muscheln und Krebsen als Nahrung, schafft er es, über ein ausgeklügeltes System von Hebeln und Taljen, unterstützt von dem enormen Tidenhub, die wertvolle Dampfmaschine aus dem Wrack zu befreien und in sein Fischerboot zu verladen. „Der Intellekt des Menschen zwingt die Naturgewalten zur Dienstleistung“ kommentiert Hugo das Werk seines Protagonisten. Nachdem dieser die Maschine heil nach Guernsey zurückbringt, wird er zwar als Held gefeiert, muss jedoch erkennen, das seine Auserwählte inzwischen einen anderen liebt. Nicht fähig, seinen eigenen Anspruch durchzusetzen, hilft er dem Paar bei der heimlichen Vermählung und der Abreise nach England. Und während die Segel mit den Glücklichen darunter vorbeiziehen, sucht Gilliatt einen vorgelagerten Felsen auf, um sich dort von der Flut ertränken zu lassen. „Was das Meer bezwingt, bezwingt noch nicht die Frau“ bewertet Hugo diese Verzweiflungstat.

Die Orte, an denen sein Roman spielt, lassen sich auf der ganzen Insel finden, und auch das Haus über dem Hafen mit seinem Arbeitszimmer kann man besuchen. Von hier hat man einen weiten Blick über die vorgelagerte Festung bis zu den Nachbarinseln Herm und Sark. Mit Alderney im Norden und Jersey im Süden bilden sie den anglonormannischen Archipel, die Kanalinseln. „Ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England wieder aufgesammelt wurde“ beschreibt Hugo die geographisch wie politisch komplizierte Lage „seiner Inseln“.

Der Himmel auf Erden

Heaven on Earth, das sei ihre kleine Insel Herm, sagen liebevoll die etwa 50 Einwohner über ihr Eiland. Und wenn auf allen Inseln die Zeit etwas langsamer gehen mag, hier scheint sie vollends stillzustehen. Klippen, Wald und Sanddünen lassen einen die Welt vergessen, Autos gibt es hier nicht und eine kleine Fähre ist die einzige Verbindung nach außerhalb. Auf der Ostseite findet man am weißen Shell-Beach guten Ankergrund und kristallklares Wasser, wenige Ruderschläge entfernt am Ufer liegen zwei palmenumsäumte Strand-Cafes: Südsee-Atmosphäre, aber „very British“.

Felsen von absurder Schönheit

Nur wenige Meilen entfernt liegt Sark, etwas größer als Herm und auch eine Ferieninsel in englischem Stil. Gäste werden mit dem Traktor von der Fähre abgeholt oder mit der Pferdekutsche gemächlich zu ihrer Unterkunft gebracht. Die Insel wird zum großen Teil landwirtschaftlich genutzt, ringsum fallen die Ufer bis zu 80m steil ab, Felseinschnitte bilden natürliche Häfen und geschützte Ankerbuchten, die Enden der Buchten laufen oft in Sandstränden aus. Je nach Windrichtung findet man diverse Ankerplätze, wobei genau gelotet werden muß, ob bei Niedrigwasser genug Tiefe vorhanden ist. Die Höhen von Hoch- und Niedrigwasser schwanken je nach Mondphase sehr stark, der Unterschied im Tidenhub zwischen Spring- und Nippzeit beträgt über 4m! In einigen Buchten sind Mooringbojen ausgelegt, der winzige Hafen an der Ostseite fällt komplett trocken und ist nur für Kimmkieler und dergleichen geeignet.

Vergleicht man die Kanalinseln untereinander, fällt es schwer, die eine oder andere zum Favoriten zu erklären, jede hat ihren besonderen Reiz. Victor Hugo, Kenner und Liebhaber dieser Eilande, hat jedoch aus seiner Vorliebe für Sark keinen Hehl gemacht, als er einen seiner literarischen Helden einst erklären ließ: „Diese Schönheit ist absurd“.

 

Über Alderney segeln wir nach vier Tagen Inselhopping bei anhaltendem Sommerwetter entlang der französischen Küste Richtung Heimat, auf Märkten und in Fischlokalen genießen wir französische Lebensart, besonders hervorzuheben sind die Orte St Vaast und Fécamp. Le Havre, nach der kompletten Zerstörung im 2. Weltkrieg auf dem Reißbrett in Monumentalbauweise neu erstanden, ist zwar eindrucksvoll; dieser als „Brutalisme“ bezeichnete Baustil läßt uns den Ort jedoch als „Ausrutscher“ bei der Törnplanung in Erinnerung bleiben. Von Fécamp folgt ein wunderschöner 70-Meilen-Spinnakertörn nach Boulogne, von hier wiederum eine lange Vorwindreise nach Zeebrügge. Uns fällt auf, dass besonders die Franzosen auf diesen Strecken lieber stundenlang mit schlagendem Großsegel motoren, als die Genua auszubaumen oder bunte Tücher zu setzen. Das Vorwärtskommen in östliche Richtung ist übrigens unabhängig vom Wind schneller, da man lange Zeit auf der Flutwelle „mitreiten“ kann, wie wir es auch von der Elbe kennen.

 

Eine angekündigte Wetterverschlechterung mit nordwestlichen Starkwinden, gepaart mit unseren positiven Holland – Erfahrungen, lassen uns in Vlissingen wieder auf die Kanäle gehen. Herrliches Segeln mit viel Wind in geschütztem Revier bringt uns in drei Tagen nach Amsterdam, ein besonderes Erlebnis ist die nächtliche Durchfahrt im Konvoi durch die Stadt. Autobahn, ICE-Strecke und diverse andere Brücken werden für ein Dutzend Yachten geöffnet, nach zwei Stunden werden wir in den Nordzeekanal entlassen und binden gegenüber vom Hauptbahnhof im Sixhaven an, angeblich der einzige Platz in Amsterdam, wo die Boote nicht von Einbrechern aufgesucht werden. „Amsterdam ist nicht Holland“ bekommen wir häufiger von einheimischen Seglern zu hören.

Tags darauf gehen wir durch die Oranjeschleuse ins Markermeer und segeln bei heftigen Schauerböen nach Norden. Beim Übergang vom Marker- zum Ijsselmeer führt die Schleuse als Naviduct über die Autobahn – ein beeindruckendes Beispiel für die Wasserbaukunst der Holländer, aber auch für die Bedeutung des Segelsportes in diesem Land.

Am nächsten Morgen in Enkhuizen fährt uns der Schreck in die Glieder. Beim Starten des Motors gibt es einen lauten Knall, die Nachbarn zucken zusammen und uns ist sofort klar: Diese Maschine hat`s ganz schwer erwischt!

Nach Kontrolle von Öl, Wasser und durchdrehen von Hand wagen wir einen zweiten Versuch. Gewaltige Qualmwolken ausstoßend fängt der Motor erst auf einem und dann schließlich auf beiden Zylindern an zu laufen. Erstaunlich ruhig und ohne Ölfilm auf dem Wasser, auch die Auspuffgase sind unauffällig. Erst beim Gasgeben hört man ein deutliches Klappern, das auf einen Schaden hinzuweisen scheint. Unser Verdacht, das wir einen Wasserschlag hatten, soll sich später bestätigen.

Nach kurzer Beratung was zu tun sei kommen wir zu folgendem Ergebnis: Fern der Heimat sich in die Hände unbekannter Monteure zu begeben kommt überhaupt nicht in Frage, zumal sich bei einem 19 Jahre altem Motor die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Reparatur stellt. Zum kurzen An- und Ablegen scheint er noch zu taugen, außerdem üben wir regelmäßig Manöver unter Segeln. Zwischen uns und der Nordsee liegt nur noch eine Schleuse, nämlich die im Afsluitdijk zur Waddenzee. Der Wind soll die nächsten Tage etwas abnehmen und konstant aus Nord wehen. Also fahren wir vorsichtig aus dem Hafen, ziehen gleich die Segel hoch und kreuzen stark gerefft das Ijsselmeer auf  bis Makkum bei der Schleuse Kornwerderzand. Hier noch einmal Wetterberichte einholen, Sicherheitsausrüstung überprüfen und die Tide checken. Wir müssen in der Waddenzee vor Harlingen eine flache Stelle passieren und auflaufendes Wasser abwarten. Das bedeutet kreuzen in engen Fahrwassern überwiegend gegen den Strom zum Seegatt von Terschelling.

Am nächsten Mittag schleusen wir aus und mit zwei Reffs und G III toben wir uns warm bei kurzen Schlägen nach Norden gegen das auflaufende Wasser. Bei Sonnenuntergang erreichen wir die Nordsee und kreuzen uns gegen einen frischen Norder von der Küste frei bis auf eine Meile an den Schifffahrtsweg. Hier passieren wir mit gutem Schrick alle Stunde eine grüne Leuchttonne, was das Kurshalten einfacher macht als immer nur auf den Kompaß zu starren. Inzwischen läuft die Ebbe gegenan und wie schon vorher absehbar war, wird der größte Teil dieser Reise gegen den Strom stattfinden. Im Morgengrauen stehen wir vor der Ems, die See geht immer noch hoch, die zwei Reffs müssen drinbleiben und das Frühstück wird zum Balanceakt. Dafür läuft der Strom nun endlich einmal mit, bis zur Wesermündung kommen wir schnell vorwärts, dann schickt die Elbe uns erneut eine Tide entgegen. Bis Cuxhaven laufen wir immer gegenan, am Ende haben wir in 30 Stunden fast 200 sm geloggt, drei Tiden von vorne und nur eine mit.

In Cuxhaven fallen wir todmüde in die Kojen, froh darüber, Schiff und Motor nach Hause gebracht zu haben. Auf den letzten Meilen in die Stör lassen wir eine wunderschöne Sommerreise noch einmal Revue passieren und wissen jetzt schon, dass es nicht der letzte Besuch auf den Kanalinseln war.

Übrigens, der Motor wurde von einem lieben Vereinskameraden repariert, ein Pleuel war verbogen. Wie das Wasser in den Zylinder kam ist bis heute ungeklärt und sorgte für viel Diskussionsstoff bei den Fachleuten.

 

Manfred Thiessen

 

 

Statistik

Zurückgelegte Meilen            1477

Unter Segel                            1072

Unter Motor                           405

 

Reisedauer                             37 Tage

Fahrttage                                27

Hafentage                              10

 

 

Das Schiff

„Yggdrasil“ haben wir von judel/vrolijk design als reines Fahrtenschiff zeichnen lassen und ist von mir in zwei Jahren als formverleimtes Boot selbst gebaut worden. Stapellauf war 1989. Mit 10,70m Länge und 3,15m Breite und einem modernen Flossenkiel von 1,85m Tiefgang bei 4,5 t Gewicht wird zwar das Segeln zum reinen Vergnügen, erfordert aber auch konzentriertes Steuern, so dass auf Langstrecken Kondition gefragt ist, für eine Selbststeueranlage ist dieses Boot zu nervös.

 

 

 

Die Crew

Ich segele seit dem zwölften Lebensjahr, erst auf dem elterlichen Jollenkreuzer, dann auf Jollen, Folkeboot und allem, was „so `rumschwimmt“. Das Regattasegeln beschränkt sich auf Langstreckenregatten wie Skagen Rund, Edinburgh oder DCNAC auf anderen Booten, normalerweise ziehe ich aber das Fahrtensegeln vor, am liebsten mit der Familie auf dem eigenen Boot. Mit den drei Kindern zog es uns sechzehn Jahre nach Schweden und Norwegen, seit zwei Jahren sind alle mehr oder weniger selbständig und wir erkunden zu zweit neue Reviere.

Meine Frau Telse ist schon im Wäschekorb auf Opas Fischerboot mitgenommen worden, die Nähe zum Wasser ist ihr schon durch diverse Kapitäne, Fischer und Walfänger unter den Vorfahren vererbt worden.

 

Nautische Ausrüstung

Neben „Reeds Almanac“ waren der „Revierführer Nordsee“, Yachtpilot, Yachtfunkdienst, „Cruising Companion North France & Belgium“, „Bloc Livre de Bord“ und „North Brittany and Channel Islands Cruising“ an Bord. Als Ausweichstrecke wurde die „stehende Mastroute“ durch Holland erwogen, hierzu wurden „Jan Werner; Holland I und II“ sowie „Wateralmanak 1“ und „Staaende Mastroute“ angeschafft.

Sehr hilfreich ist uns schon seit Jahren das „Seefahrtstandardvokabular“ des BSH.

Folgende Seekarten waren an Bord: D1002, D53, deutsche Sportbootkarten 3010, 3014 und 3015, außerdem D2910 „Mariner`s Routeing Guide German Bight“. Hierin findet man alle Informationen über TSS, Lotsenversetzdienste, Revierfunk mit sämtlichen UKW-Kanälen usw; Niederländische Sportbootkarten NL 1801, 1805, 1809, 1810, 1811 und 1812, Britische Karten BASC5604 und 5605, IC31 und 32.

Zum Empfangen von Wetterberichten waren ein Weltempfänger und ein Laptop mit Wettermaus an Bord. Die Reichweite der Wettermaus endete erwartungsgemäß etwa bei Terschelling, wir wollten ohnehin lieber hiesige Wetterberichte auf UKW hören. Besonders die holländischen und französischen Küstenfunkstellen senden mehrmals täglich sehr detaillierte Vorhersagen für eng abgesteckte Gebiete.

Die Strom- und Gezeitenberechnung sollte ausschließlich mit Hilfe des Reeds Almanac erfolgen, er ist uns schon lange vertraut und man ist immer schnell „wieder drin“.

Navigationsausrüstung: 2 Magnetkompasse, 1 Magnetpeilkompass, Echolot, Logge, GPS, GMDSS-UKW, Zeiss 7x50 Fernglas

Navigiert wird bei uns an Bord traditionell „zu Fuß“ mit Peilkompaß und Logge, das GPS dient als Backup, Peilungen und beobachtete Orte werden in die Seekarte eingetragen, etwa alle zwei Stunden wird die GPS-Position vermerkt.

 

Sicherheitsausrüstung

„Yggdrasil“ ist unter Berücksichtigung der Sicherheitsrichtlinien des DSV für das Seegebiet nach Kategorie 2 ausgerüstet, mit Ausnahme einer programmierbaren EPIRB. Diese schien uns entbehrlich, da wir immer im Bereich der UKW – Abdeckung durch Küstenfunkstellen segeln würden. Eine einfache „Mini-EPIRB“ war Bestandteil der Ausrüstung.

Im Einzelnen (auszugsweise): Rettunginsel 6 Personen, Rettungsboje mit Lampe und Treibanker, Lifesling, 4 Rettungswesten mit Lifebelts, Strecktaue, 5 Fallschirmraketen rot, 4 rote und 4 weiße Handfackeln, Nico-Signalgeber mit diverser Munition, 2 Feuerlöscher, 2 Anker mit Kettenvorläufern, 40 m Schlepptrosse, Radarreflektor, Leckproppen, Werkzeuge und Ersatzteile in großer Zahl, Handlampen und Suchscheinwerfer, 2 Bilgepumpen, Sturmfock, Notantenne

 

 

 

 

Die Kanalinseln

 

Die ursprünglich zur Normandie gehörenden „Channel Islands“ liegen in der Bucht von St Malo in Sichtweite der französischen Küste. Seit der Zeit Williams the Conquerer verwalten sich die Inseln selbst, unterstehen aber der britischen Krone. Es gibt hier eigene Briefmarken, eigenes Geld und sehr eigene Gesetze, so sind etwa Frauen auf Sark bis heute von der Erbfolge ausgeschlossen, dürfen aber inzwischen eigene Bankkonten einrichten.

Wie überall an der Kanalküste stehen auch hier die fürchterlichen Betonbunker des deutschen Atlantikwalls, übrigens war es seit 1066 das erste Mal, das englisches Gebiet dauerhaft besetzt wurde. Die verheerenden Zerstörungen bei der Befreiung durch die Alliierten, wie sie in der Normandie stattfanden, blieben den Inseln glücklicherweise erspart. Sie wurden praktisch „umgangen“ und die Besatzer später vor vollendete Tatsachen gestellt.

Klimatisch günstig in der Nähe des Azorenhochs gelegen, gedeihen hier wie auch in Südwestengland Palmen und andere exotische Pflanzen, die Wassertemperaturen liegen im Sommer allerdings trotz Golfstrom weit unter Nordseeniveau.

Ein navigatorischer Leckerbissen ist der immense Tidenhub und die damit verbundenen Strömungen. Die Bucht von St Malo hat neben dem Bristolchannel die größten Gezeitenhöhen Europas aufzuweisen, eine Besonderheit ist hierbei, dass Tidenhub und Stromstärke im umgekehrten Verhältnis stehen: Im Südteil der Bucht erreicht der Tidenhub bei wenig Strom zeitweise über 12m, im Gebiet von Alderney erreicht der Strom dagegen Werte von bis zu 10 kn bei „nur“ 5m Gezeitenunterschied. Das erfordert genaues Rechnen und Abhören der Wetterberichte, denn bei Wind gegen Tide können örtlich extreme Seegangsverhältnisse auftreten.